Trauer ums Programmieren: zwei Antworten auf KI
Andy Balaam schreibt über die Kränkung, sein Handwerk für überflüssig erklärt zu bekommen. Simon Willison hält am selben Tag dagegen.
Kurz gesagt
Am 11. September 2026 erschienen zwei Beiträge zum selben Gefühl – Andy Balaam verteidigt die Liebe zum Programmieren, Simon Willison verschiebt den beruflichen Wert weg vom reinen Codeschreiben.
Auf einen Blick
- Andy Balaam veröffentlicht „Feeling sad about AI“ am 11.09.2026 auf artificialworlds.net.
- Balaam formuliert drei Botschaften der Hoffnung: an sich selbst, an andere Code-Fans, an Lernende.
- Simon Willison stellt am selben Tag seinen eigenen Hacker-News-Kommentar zu Balaams Text online.
- Willisons Kernsatz: Eine exakte Spezifikation in ordentlichen Code zu übersetzen, ist keine seltene Fähigkeit mehr.
- Balaam verweist auf seinen früheren Beitrag „Why I don't use AI“ und auf seine zwei Kinder, die programmieren lernen.
Am 11. September 2026 erschienen zwei Texte, die dasselbe Unbehagen beschreiben und zu verschiedenen Schlüssen kommen. Andy Balaam schreibt auf artificialworlds.net darüber, wie kränkend es ist, wenn sein Handwerk öffentlich für erledigt erklärt wird. Simon Willison stellt am selben Tag seinen eigenen Hacker-News-Kommentar zu genau diesem Text online. Der eine verteidigt die Liebe zur Sache, der andere verschiebt die Frage nach dem beruflichen Wert.
Was Balaam stört
Balaam macht früh klar, dass es ihm nicht um die Ethik von KI geht und auch nicht darum, ob die Werkzeuge funktionieren. Ihn trifft die Botschaft selbst: Programmieren sei obsolet, man möge das Handwerk zugunsten generierten Codes aufgeben. Für jemanden, der seine Identität auf dieser Arbeit aufgebaut hat, klingt das nach Respektlosigkeit gegenüber einem Lebenswerk.
Gegen dieses Gefühl setzt er drei Botschaften der Hoffnung. Die erste gilt ihm selbst: Die Freude am Programmieren kann ihm niemand nehmen, und Anerkennung von den Kritikern braucht er dafür nicht. Die zweite richtet sich an andere, die Code mögen. Die dritte gilt Lernenden – selbst bei sehr optimistischen KI-Prognosen werde weiterhin viel Code gebraucht, und das Verständnis dafür, wie Systeme funktionieren, bleibt wertvoll.
Balaam erwähnt zwei Kinder, die gerade programmieren lernen, und bleibt zuversichtlich, dass ihnen diese Grundlage nützt. Er verweist außerdem auf seinen früheren Beitrag „Why I don't use AI“.
Willisons Gegenrechnung
Willison beschreibt zuerst den Moment, den viele kennen: Ein Agent erledigt in Stunden eine Aufgabe, für die eine Woche eingeplant war, und das Ergebnis ist brauchbar. Seine Antwort darauf ist eine Umdeutung, keine Beschwichtigung. Sobald man akzeptiere, dass das Übersetzen einer exakten Spezifikation in ordentlichen Code keine besondere Fähigkeit mehr sei, werde der Blick frei für den viel größeren Rest der Arbeit.
Erfahrung bleibt in dieser Lesart ein Vorteil: Wer Tiefe mitbringt, könne die neuen Werkzeuge beherrschen und auf einem Niveau arbeiten, das Berufsanfänger nicht erreichen. Willison ordnet den Umbruch außerdem historisch ein – schneller Werkzeugwechsel gehört seiner Darstellung nach seit jeher zum Beruf und ist keine Erscheinung der letzten Jahre.
Zwei Diagnosen, ein Befund
Die beiden Texte widersprechen einander weniger, als die Tonlage vermuten lässt. Balaam antwortet auf der Ebene der Kränkung, Willison auf der Ebene der Berufsbeschreibung. Beide bestreiten nicht, dass sich die Arbeit verschiebt; sie ziehen nur unterschiedliche Konsequenzen daraus.
Was offen bleibt
Nachprüfbar ist hier nur, was die beiden Autoren selbst veröffentlicht haben. Der Hacker-News-Thread, auf den sich Willison bezieht, wurde für diesen Beitrag nicht ausgewertet; über Umfang, Stimmung oder Resonanz der Diskussion lässt sich deshalb nichts sagen. Ebenso wenig belegen die beiden Texte, wie verbreitet dieses Gefühl in der Branche ist – sie sind zwei Stimmen, keine Erhebung.
Häufige Fragen
Worum geht es in Andy Balaams Beitrag „Feeling sad about AI“?
Um die Kränkung, das eigene Handwerk öffentlich für überflüssig erklärt zu bekommen. Balaam betont, dass es ihm dabei weder um KI-Ethik noch um die Frage geht, ob die Werkzeuge funktionieren.
Was antwortet Simon Willison auf die Sorge um den Programmiererberuf?
Dass das Übersetzen einer exakten Spezifikation in ordentlichen Code keine seltene Fähigkeit mehr ist – und dass genau deshalb der Rest der Ingenieursarbeit sichtbar wird, der dadurch nicht verschwindet.
Lohnt es sich laut diesen Texten noch, Programmieren zu lernen?
Balaam sagt ja: Selbst unter optimistischen KI-Prognosen werde viel Code gebraucht, und das Verständnis dafür, wie Systeme funktionieren, bleibe der haltbare Teil. Willison sieht Tiefe als Vorsprung gegenüber Einsteigern.